Donnerstag, 12. August 2010

Google und Verizon bauen am Mittelalter-Internet

die Orginalquelle des Artikels ist hier:
Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Google und Verizon bauen am Mittelalter-Internet
Seite 2 "Lawful

Netzneutralität
Google und Verizon bauen am Mittelalter-Internet
Willkür, Kleinstaaterei und Zollschranken, so wünschen sich Konzerne das Internet und wollen dazu die Netzneutralität abschaffen. Denn es wäre ein Billiardengeschäft. Der Journalistikprofessor und Blogger Jeff Jarvis hat es ein Münchner Abkommen genannt, was Google und Verizon da nun geschlossen haben.
Bei dem Treffen 1938 in München hatten Frankreich und England Adolf Hitler erlaubt, das Sudetenland zu besetzen und es der Tschechoslowakei wegzunehmen. Sudetenland, das ist für Jarvis heute das Internet und die "Netizens", die Nutzer und Bewohner des Netzes, sind die Sudeten.

Der Vergleich ist hart. Aber er ist angebracht. Werden die Wünsche der Konzerne Realität, die derzeit über die Zukunft des Netzes verhandeln, wird es das Netz, so wie wir es bislang kennen, bald nicht mehr geben.
Der Suchmaschinenkonzern und die amerikanische Telefongesellschaft versuchen, im Internet so etwas wie Mautgrenzen und Zollschranken einzuführen. Gleichzeitig bauen sie an einer dauerhaften Überwachung der Inhalte. Sie nennen es natürlich anders. Im Kern geht es aber darum, dass Google seine Daten schneller zu den Kunden bringen will und bereit ist, dafür zu bezahlen. Das allerdings bedroht die Netzneutralität, die neben der Dezentralisierung eines der beiden Basisprinzipien der Internets ist.
Irgendwie fühlt Google sich diesem Grundsatz wohl noch verbunden, wenn auch auf eine sehr seltsame Art. Daher hat man sich zwei Umwege ausgedacht, um das eine zu tun, ohne das andere lassen zu müssen.
Der übelste ist die Idee des "lawful content". Die Neutralität des Netzes und die Gleichbehandlung von Daten sollen nur noch für solchen "gesetzestreuen Inhalt" gelten. Was illegal ist, darf diskriminiert werden. Prinzipiell nicht schlimm, das gesellschaftliche Leben funktioniert genauso. Mit einem entscheidenden Unterschied: In demokratischen Gesellschaften wird öffentlich, transparent und eben demokratisch verhandelt, was legal und was illegal ist. Im Netz nicht. Dort gibt es schon lange das Interesse, zu entscheiden, was gute oder schlechte Inhalte sind. Siehe die Politik von Apple. Der Konzern schmeißt aus seinem Onlineshop, was er für unangemessen hält. Gesetze interessieren dabei nicht. Selbst bei der so angesehenen und quasidemokratischen Wikipedia gab es einen solchen Fall, als Gründer Jimmy Wales entschied, Nacktbilder gehörten sich nicht und sie löschen ließ. Der erste große Verstoß dieser Art war der Fall Comcast gegen BitTorrent. Der Kabelfernseh- und Internetkonzern hatte 2007 das Tauschnetzwerk BitTorrent und andere Peer-to-Peer-Börsen abgewürgt. All jene seiner Kunden, die auf BitTorrent zugreifen wollten, konnten dies nur noch sehr langsam oder gar nicht mehr tun. Im Jahr darauf urteilte die amerikanische Aufsichtsbehörde FCC, dass der Konzern damit gegen die Netzneutralität verstoße und es zu unterlassen habe.
Abgehalten aber hat das niemanden von solchen Ideen. Bald könnte das gesamte Internet vergleichbar willkürlich organisiert sein. Jeder Konzern, jeder Betreiber entscheidet für sich, was im Netz wichtig und schön ist und somit verdient, weitergeleitet zu werden. Der Rest wird verlangsamt, blockiert oder gelöscht. Es wäre ein Rückfall ins Mittelalter, in eine Zeit, in der in jeder Stadt und in jedem Fürstentum andere Regeln und andere Währungen galten.
Zweihundert Jahre demokratische Entwicklung umsonst. Außerdem wollen Google und Verizon künftig unterscheiden, ob sich der Kunde mobil oder stationär mit dem Netz verbindet. Im Festnetz bliebe alles beim Alten (wie lange noch?). Via Mobiltelefon aber würde wieder die Feudalherrschaft Einzug halten.
Mit dem Versprechen, dass das, was letztendlich noch durchgeleitet wird, uns wahnsinnig schnell erreicht. Na super.
Autor Jarvis nennt es plakativ das alte "Internet" und das neue "Schminternet"
– nach Google-Chef Eric Schmidt. Und er zeichnet einen fiktiven aber durchaus vorstellbaren Dialog mit einem Callcenter, sollten die Pläne der beiden Konzerne Wirklichkeit werden. Wer dann außerhalb seiner Wohnung YouTube-Videos auf dem Mobiltelefon schauen will, könnte vom Provider den Satz hören: "Tut uns leid. Das wird nicht im Internet angeboten. Das gibt es nur im Schminternet. Ich verbinde Sie gern mit einem Kundebrater, der ihnen die Gebühren, Beschränkungen und Regeln erklärt."
Gleichzeitig machten Google und Verizon den Vorschlag, die Befugnisse der Aufsichtsbehörde FCC zu begrenzen. Das finden sogar die Datenschutzaktivisten von der amerikanischen Electronic Frontier Foundation gut, – ganz im Gegensatz zu den übrigen Wünschen der Konzerne. Denn es entspricht dem amerikanischen Staatsverständnis, der Selbstregulierungskraft der Wirtschaft zu vertrauen. Viele fürchten ohnehin,die FCC könne zu einer Anstandspolizei werden.
Betrachtet man die bisherigen Entscheidungen der FCC zur Netzneutralität, ist es wohl eher der Versuch, einen störenden Mahner zu eliminieren. Den Thomas Morus des Internets sozusagen. Der schrieb einst das Buch "Utopia" und wurde hingerichtet, weil er sich dem Regime Heinrichs VIII. nicht beugen wollte.
Bislang erschien das Internet immer wie eben dieses auf Gleichheit basierende Utopia. Das aber könnte sich demnächst ändern.

Mittwoch, 11. August 2010

Vokabeln lernen: Netzneutralität


Netzneutralität muss bewahrt bleiben
Was bedeutet Netzneutralität?
Die Netzneutralität soll gewährleisten, das sämtliche Daten im Internet von den Service-Providern gleichberechtigt behandelt werden, unabhängig davon um welche Daten es sich handelt und von wem sie stammen.
In den USA wird gerade über einen Begriff debattiert, der auch für deutsche Internet-Nutzer von Bedeutung ist.
Die Meldung klingt wie eine lustige Idee, hat aber eine ernste Debatte ausgelöst: „Mailanbieter wollen Porto auf elektronische Post erheben“, vermeldete die New York Times in der vergangenen Woche die Pläne von AOL und Yahoo, in Zukunft Gebühren auf E-Mails zu erheben. Der Plan: bezahlte Post, so genannte Priority Mail, wird bevorzugt behandelt und muss nicht mehr mühsam aus der Flut der Spam-Mails herausgefiltert werden. Verschickt beispielsweise ein Online-Versandhaus eine Bestellbestätigung an seinen Kunden, fertigen Yahoo und AOL diese bevorzugt ab, wenn der Empfänger einverstanden ist und der Versender bis zu einem Cent pro Mail bezahlt hat.
Vordergründig scheint dieser Ansatz Spam-Versendern das Leben schwer zu machen. Tatsächlich jedoch soll er vor allem den Mailanbietern und Netzbetreibern die Kassen voll machen. Diesen geht es nämlich gar nicht um Spam-Mails, sie befürchten, nicht genügend am Internet zu verdienen: „Die Netzbetreiber geben Vermögen aus, um die Netzwerke zu bauen und zu unterhalten, die Google dann mit seinen billigen Servern nutzt", zitiert das ZDF John Thorne vom US-Netzbetreiber Verizon (aus einem Gespräch mit der Washington Post). Dahinter steckt eine „pay-to-play“-Vision, wie es das US-Magazin The Nation nennt, der Plan also, Inhalte, die übers Netz transportiert werden, nicht mehr gleich zu behandeln. Solche Inhalte, die den Netzbetreibern genehm sind (weil sie extra bezahlt wurden), sollen bevorzugt werden, andere (zum Beispiel in so genannten Peer-to-Peer-Netzwerken) werden nachrangig behandelt.
All diese Pläne, kritisiert das Center for Digital Democraty, seien ein Anschlag auf die Netzneutralität. Es verändere das Prinzip des freien Internets, in dem alle gleich behandelt werden. Gleiches befürchtet auch der US-Professor Lawrence Lessig. Bei einer Anhörung vor dem US-Senat zum Thema „Netzneutralität“ sagte er, diese Pläne stellten eine fundamentale Veränderung der Internet-Kultur dar: „Erstmals in der Geschichte des Internets haben die Netzbetreiber die Möglichkeit und einen Anreiz, Innovationen im Netz zu blockieren.“ Schließlich seien die derzeit führenden Angebote im Internet mit nichts als einer guten Idee gestartet. Google, eBay und Amazon mussten keine Zugangsgebühren zahlen, um sich durchzusetzen, betonte der Professor.
Nicht nur vor dem US-Senat war die Netzneutralität in dieser Woche Thema, auch die für den US-amerikanischen Telekommunikations-Wettbewerb zuständige FCC hat sich damit bereits befasst. Deren Sprecher Michael Copps sagte dem Wall Street Journal: „Wir müssen wachsam sein, um sicherzustellen, dass die Netzwerk-Anbieter nicht die Torwächter des Internets werden – mit der Macht zu diktieren, wer das Internet nutzt und zu welchem Zweck.“
Weil sie sich darauf nicht verlassen will, hat die US-Organisation Free Press jetzt eine Online-Aktion zur Sicherung der Netzneutralität ins Leben gerufen. Die Idee: den Kabelnetzbetreibern eine Mail mit der Aufforderung schicken, die Netzneutralität nicht anzutasten – ganz ohne Porto.

Initiative für «freies und offenes Internet» gestartet

Berlin (dpa) - Eine Gruppe von Politikern, Bloggern und anderen Netzbürgern hat am Mittwoch eine Initiative für ein «freies und offenes Internet» gestartet. Die 21 Erstunterzeichner schalten sich damit in die Debatte über Netzneutralität ein.

Dieses Prinzip einer gleichberechtigten Übertragung aller Daten im Internet wird zurzeit vor allem von Telekommunikationsunternehmen infrage gestellt. «Netzneutralität ist elementar für unsere Demokratie», heißt es in dem Aufruf. «Ein freies Internet ohne staatliche oder wirtschaftliche Eingriffe ist Garant für freien Meinungsaustausch weltweit und damit die direkte Ableitung des Rechts auf Meinungsfreiheit.» Offenheit sei auch eine wesentliche Voraussetzung für Innovationen.

«Die Aufgabe der Netzneutralität würde ein Zwei-Klassen-Internet befördern, wo sich die großen Medien- und Internetkonzerne dieser Welt ihr eigenes Netz schaffen», schrieben die Verfasser, die eine gesetzliche Verankerung der Netzneutralität fordern. Alternative und neue Anbieter würden verdrängt oder müssten sich hinten anstellen. Zu den Erstunterzeichnern gehören die Blogger Markus Beckedahl, Sascha Lobo und Falk Lüke sowie die Bundestagsabgeordneten Lars Klingbeil (SPD), Konstantin von Notz (Grüne) und Halina Wawzyniak (Linke).

Nach Medienberichten über Gespräche zwischen Google und dem Netzbetreiber Verizon in den USA war kürzlich der Eindruck entstanden, dass diese Großunternehmen über eine bevorzugte Behandlung von Datendiensten verhandeln könnten - das wäre das Ende der Netzneutralität gewesen. Dies wurde von beiden Unternehmen dementiert, wobei sie allerdings das Internet auf mobilen Geräten ausklammerten.

Quelle:© sueddeutsche.de - erschienen am 11.08.2010 um 15:42 Uhr